MINTiFF-Science-Event:
Forschung im Orbit
In Ron Howards Apollo 13 (1995), dem neben Kaufmanns The Right Stuff (1983) wohl erfolgreichsten fiktionalen Film über das us-amerikanische Raumfahrtprogramm, gibt es eine kurze bittere Episode, die vielleicht auch etwas über unser heutiges Verhältnis zum Thema Raumfahrt sagt:
Für eine Live-Übertragung von ihrem Raumschiff Odyssey legen sich die Astronauten Lovell, Haise und Swigert, bereits auf halbem Weg zum Mond, mächtig ins Zeug: Sie informieren und unterhalten ihr Publikum, sorgen mit ihrem pittoresk schwebenden Kassettenrecorder für zeitgemäße Hintergrundmusik, zeigen stolz ihr Schiff, erläutern ihre Aufgaben und hauen sich knackige One-Liner um die Ohren. Sie liefern eine hervorragende Show ab. Und auf der Erde - sieht und hört niemand zu. Es ist der fünfte bemannte Flug zum Mond, die dritte Mission, bei der eine Landung auf der Mondoberfläche geplant ist, das Jahr eins nach Neil Armstrongs „big leap for mankind“. Über eine halbe Milliarde Menschen weltweit haben diese Ereignisse an den TV-Geräten jeweils verfolgt, erste Bewohner des entstehenden globalen Fernsehdorfs, doch zum Zeitpunkt von Apollo 13 ist der News- und Unterhaltungswert einer Reise zum Mond inzwischen so gering, daß sämtliche US-Networks lieber Footballspiele, Talkshows und alte Western zeigen, um ihre Zuschauer bei der Quotenstange zu halten, als eine Live-Sendung aus dem All. Als jedoch die Mission in einer tödlichen Katastrophe zu enden droht, betet nicht nur der Papst auf dem Petersplatz zusammen mit fünfzigtausend Gläubigen für eine sichere Rückkehr der drei Raumfahrer, auch der Blick der Medienwelt richtet sich wieder ins All. Und bis zur glückenden Rückkehr der Crew jagt plötzlich doch eine Sondersendung die andere.
Heute sind, seit beinahe zehn Jahren, permanent fünf bis sechs Astronauten auf der Internationalen Raumstation im All, regelmäßig auch ein deutsches oder europäisches Crewmitglied. Heute wird in 350 Kilometer Orbitalhöhe jeden Tag auf höchstmöglichem Niveau Grundlagen- und angewandte Forschung betrieben, werden chemische Elemente verbunden, die sich auf der Erde nicht verbinden lassen, astrobiologische Experimente durchgeführt und wissenschaftliche Grenzen auf zahlreichen Gebieten beharrlich erweitert. Heute schreiben Astronautinnen und Astronauten im All Haikus, surfen im Internet, üben Modernen Tanz, telefonieren von ihrem Privatanschluß nach Hause und trinken gemeinsam einen guten Schluck, gelegentlich jedenfalls. Heute ist der Mars tatsächlich ein Nachbarplanet, der diesen Namen verdient, und als Ziel nur noch eine Frage der Zeit, des Budgets und der richtigen Vorbereitung, nicht der Entfernung. Heute ist, nach Jahrzehnten des kräftezehrenden Wettlaufs im All, die Star Trek-Utopie der friedlichen Kooperation verschiedener Völker und Rassen im Weltraum weitgehend Realität. Und heute ist Deutschland die führende Raumfahrtnation in Europa. Aber die mediale Resonanz auf die Spitzenleistungen und den packenden Alltag der Weltraumfahrt und der Forschung im All ist hierzulande erstaunlich gering, allemal im Bereich des fiktionalen Films.
Der MINTiFF-Science-Event Forschung im Orbit, der Ende Januar in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der European Space Agency am Hauptsitz des DLR in Köln-Wahnheide stattfand, wo auch das Europäische Astronauten-Corps seine Homebase hat, wollte dazu beitragen, dies zu ändern. Gemessen an den faszinierten Fragen und Blicken der etwa zwanzig teilnehmenden Autoren, Produzenten und Redakteure aus dem Fictionbereich, gemessen auch am Herzschlag des Berichterstatters, der sich immer wieder beeindruckt beschleunigte, war die Veranstaltung ein gelungener Schritt zu einer größeren Aufmerksamkeit der Film- und Fernsehbranche - vielleicht auch schon in Richtung der einen oder anderen konkreten Projektidee.
Andreas Schütz, Pressesprecher des DLR, und sein Kollege Jean Coisne von der ESA, Dr. Reinhold Ewald, Mitglied des Europäischen Astronauten-Corps, Rüdiger Seine, Chef des ISS Increment Trainings im Europäischen Astronautenzentrum, Prof. Dr. Rupert Gerzer, Leiter des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin im DLR und Dr. Petra Rettberg, Leiterin der Arbeitsgruppe Astrobiologie, führten durch ihre Einrichtung und informierten über die europäischen und deutschen Forschungsmissionen im All, über den Beruf des Astronauten, die Geschichte und die Perspektiven der bemannten Raumfahrt, über die Ausbildung der Astronauten und Mitarbeiter im Missionsbetrieb, über Aspekte der Raumfahrtmedizin und über astrobiologische Forschung in der Erdumlaufbahn. Auf die Liste der Punkte, die das Herz höher schlagen ließen und die Phantasie in Gang setzten, gehörten an diesem anregenden Tag sicher auch besonders die Dinge, die man während der Besichtung des European Astronaut Center sehen, anfassen und betreten konnte wie etwa den ATV Raumtransporter der ESA, das europäische Raumlabor Columbus, das Sojus-Raumschiff, das ISS-Modul mit Schlafkoje oder den Simulationsraum der Missionskontrolle. Wann sonst hat man Gelegenheit, sich in einem Raumlabor zu bewegen oder selbst an einem Kontrollmonitor zu sitzen (selbst wenn man die berühmte weiße Weste, die Ed Harris als Flight Director Gene Kranz im Apollo-Film trägt, leider gerade nicht zur Hand hat)?
Wie geht man mit der Schwerelosigkeit um, die einem höllische Rückenschmerzen bescheren kann, weil man schon in der ersten Woche im All bis zu acht Zentimeter „wächst“, und die einen trotz zwei Stunden täglichen Trainings wegen des kontinuierlichen Muskelabbaus medizinisch betrachtet zum Couch-Potato macht, die aber auch wie ein Jungbrunnen wirkt und plötzlich alle Falten aus dem Gesicht zaubert? Wie reagiert der Mensch darauf, wenn er in einem Raumfahrzeug oder der Raumstation über längere Zeit ohne Fenster und ohne einen Blick auf die Erde auskommen muß? Wie wirken sich die dauerhafte räumliche Enge und die permanente Nähe zu anderen Menschen psychisch aus? Spielen kulturelle und nationale Unterschiede eine große Rolle, hat Religion einen Stellenwert im All? Ist es nur störend oder dient es auch der Völkerverständigung und dem Teambuilding, wenn sich auf der ISS die Crew regelmäßig gegen die Bodenkontrolle solidarisiert und eine leichte kollektive Paranoia entwickelt?
Wie lernen Mitarbeiter der Mission Control auszusprechen, was nötig ist, auch wenn jedes Wort weltweit mitgehört wird, ohne sich untereinander abzusichern oder die Reaktion des Vorgesetzten abzuwarten? Könnte es Konflikte geben, wenn nach dem baldigen Ende des Space Shuttle-Programms nur noch eine Nation den Transport zur ISS durchführt und damit eine Monopolstellung bekommt? Was macht man mit Zahnschmerzen im All, muß einem der Crewkamerad, der von Haus aus in der Regel Naturwissenschaftler oder Ingenieur ist, im Notfall tatsächlich den Zahn ziehen oder einen anderen dringend nötigen medizinischen Eingriff durchführen? Wie bereitet man Menschen auf eine Mission wie einer Expedition zum Mars vor, die 520 Tage Abwesenheit vom Heimatplaneten erfordert? Welche Konsequenzen hätte es, wenn ein Crewmitglied trotz härtester Auswahl und bester psychologischer Betreuung dauerhaft durchdreht und zu einer Gefahr für die anderen wird? Wann kommt der Moment, an dem als Ultima ratio „Tür auf und raus“ entschieden werden müßte? Wie fühlt sich ein existentieller Notfall wie das Feuer auf der Raumstation MIR an, das Dr. Reinhold Ewald im Februar 1997 selbst erlebte? Greifen automatische Abläufe und Hierarchien, gibt es überhaupt militärische Strukturen oder ein verbindliches Regelwerk, das das Zusammenleben im All organisiert? Und nicht zuletzt: Was soll das alles? Welchen Sinn machen Raumfahrt und Weltraumforschung in Zeiten der sich verknappenden Ressourcen und drängender globaler Probleme?
Auf die letzte Frage gibt es sicher keine einfachen und kurzen Antworten. Die Referenten jedenfalls betonten immer wieder die übergreifenden kulturellen, moralischen und gesellschaftlichen Aspekte der Raumfahrt. Raumfahrt ist eine Querschnitttechnologie, die die Leistungsfähigkeit und den Entwicklungsstand eines Landes abbildet und identitätsstiftend wirkt. Daß China, Indien und Brasilien in den letzten Jahren verstärkt Weltraumaktivitäten entwickeln, erscheint in diesem Zusammenhang nur folgerichtig. Doch neben nationalem Stolz und Prestige spielt im Weltraum vor allem die internationale Kooperation eine zunehmend größere Rolle. Gemeinsam wird in allen Sparten der Weltraumfahrt und -forschung Exzellenz bewiesen, werden an der Grenze des Machbaren permanent Horizonte erweitert. In gewisser Weise zeigt der Mensch in der Raumfahrt vielleicht am deutlichsten, wozu er wissenschaftlich, technisch und als soziales Wesen in der Lage ist. Hier liegen, bei allen Kosten und Risiken, sicher wichtige Quellen der Inspiration und Motivation, die auch auf der Erdoberfläche nützlich sein könnten. Und sicher findet eine erhebliche Investition in die Ausbildung und Erfahrungsmöglichkeiten von Menschen statt, die ihre Fähigkeiten und ihren Erfahrungsschatz auch bei irdischen Aufgaben und Problemen fruchtbar einbringen können.
Nach wie vor sind Weltraumfahrt und -forschung Pioniergebiete, die große Chancen, aber auch große Risiken bergen. Groß ist sicherlich auch das Potential, das ein Fiction-Format zu diesem Thema hätte, wie die MINTiFF- Tagung eindrucksvoll bewies. Und das ohne nennenswerte Risiken.



